4.Tag: Von Worms nach Mainz
Das war mal ein interessantes Frühstück, heute bei Frau H. Zum einen, weil Paula (Name von der Redaktion geändert), die Requisiteurin der Nibelungen-Festspiele zu Worms auch in der Pension wohnte, (heute wird sie wieder zurück nach Mallorca fliegen, denn gestern war Premiere), zum anderen weil Frau H. eine sehr vielseitige, sehr gesprächige und sehr kunstinteressierte Frau ist. Herr H., der nicht so heißt, ist auch sehr nett, lächelt verschmitzt, aber mehr als 3 Sätze kann er nicht zwischen die Damen klemmen. Dabei betreibt er ein sehr altes - und wie es scheint sehr renommiertes Weingut. Frau H. hätte es auch nicht nötig Pensionsgäste aufzunehmen, - aber ich glaube Herr H. reicht ihr nicht als Gesprächspartner - und Herr H. ist froh, wenn jemand anderes die Breitseiten abbekommt.
Aber im Ernst, war ganz interessant was Paula so zu berichten hatte. Die diesjährigen Nibelungen-Festspiele führen ein neues Nibelungenstück auf, das Feridun Zaimoglu und Günter Senkel geschrieben haben. Soll gut geworden sein.
Jimi Blue Ochsenknecht durfte auch mitspielen und der ganze Ochsenknecht-Clan sei auch da gewesen und auch Richie Müller.
Ein Schauspieler habe erst vor 2 Tagen eine Blinddarmmoperation gehabt (minimalinvasiv), und bei der Premiere schon wieder auf der Bühne gestanden, nur für einen Schrei musste er gedoubelt werden, weil den noch nicht konnte...
Ihr seht, ich bin voll im Bilde!!
Frau H. sammelt auch Kunst. Als ich beim Bezahlen frage was das für ein gewaltiger grüner Propeller an der Decke über dem Flügel sei, - da gab es kein Halten mehr. Ein kleiner Vortrag über Konzeptkunst, ihre Sammlung, etliche Documenta-Teilnehmer....
Und der Propeller sei kein Propeller, sondern angemalte Leitplanken. Das Konzept des Künstlers ist es, Gegenstände aus ihrem Alltagskontext herauszureißen, ihnen scheinbar eine neue Bedeutung zu geben, die aber nichts bedeutet. Soll heißen, das sind keine Leitplanken, aber auch keinePropeller, aber es sind mal Leitplanken gewesen, die nur aussehen wie Propeller, was aber nichts bedeutet.
Ich kenne die Konzeptkünstler - und ich finde sie in Museen interessant. Aber wenn ich einen Flügel hätte, bzw. ein ausreichend großes Wohnzimmer, würde mich mir im Lebbeit grünangemalte Leitplanken, die aussehen wie ein Propeller, aber keiner sind unter die Decke hängen.
Außerdem machen Herr und Frau H ein joint venture, indem sie eine Flaschen pro Jahrgang von Künstlern bearbeiten lassen. Also nicht nur die Etiketten, das machen ja viele, sondern es entstehen Objekte, indem mal 2 Flaschen in einem Marmorblock verschwinden oder in einer Flasche der Korken bis zum Boden der Flasche geht - was den Inhalt der Flasche natürlich zur Sau macht - aber des isch KUNschd.
Das Haus von Frau H. ist eine Schatzgrube, - wäre ich ein bösartiger Mensch, würde ich sagen, mit der Betonung auf dem 2.Wort.
Aber ich bin ja nicht bösartig. Und ich habe mich wirklich sehr wohl gefühlt, - sehr, sehr anregender Morgen.
Ihr Tipp nicht mehr über Mainz zum Rhein zu fahren, war genial. Hinten durch die Weinberge und immer Richtung Kühltürme, eine tolle Strecke, hat richtig Spaß gemacht. Vor allem weil es heute Morgen endlich mal Wolken gab.
Ideale Radeltemperaturen. Das ist übrigens die Kirche von Horchheim ("Hochem").
Und heute bin ich -endlich - viel am Rhein entlang geradelt. Manchmal auf Schotter, manchmal auf dem Damm in einer engen Spur, aber immer in Rheinnähe.
Und im 11:00 Uhr - die erste 11:00 Uhr Banane! Jetzt ist die Tour am Rundlaufen !
Aber während noch der Selbstauslöser blinkt, drängen sich immer mehr Radler unter meine große Trauerweide - es fängt tatsächlich an zu regnen. Alles packt die Ponchos, Regenjacken, Satteltaschenüberzüge, Helmhauben... aus.
Nur ich nicht!! Habe ich dieses Jahr doch tatsächlich meinen Poncho vergessen. Vielleicht auch halb unbewußt bewußt, denn diese mobilen Saunazelte sind eine Zumutung. Es regnet nicht stark, eine milde lauwarme Sommerdusche. Eine Stunde lang finde ich das ok. Doch dann regnet es stärker! Es wird eher oagnehm. Und auf diesem Abschnitt gibt es keine erreichbaren Bäume am Wegesrand zum Unterstellen. Entweder jenseits des Dammes oder jenseits von hohen Wiesen, durch die man nicht durchwaten möchte.
Also weiter.
Dann in der Ferne etwas Weißes, neben einem großen Haus. Könnte das die Sonnenterrasse eines Restaurants sein?? Und tatsächlich, das Gasthaus "zum Rheinhof" ist meine Rettung - und die sicher 2 Dutzend anderer Radler.
So in etwa sah die Rettung durch den Regen aus.
Die Leute von der Gastwirtschaft sind glücklich. Heute machen sie an einem Tag einen Wochenumsatz. Das Geschäft brummt. Ständig ist der Pflaumenkuchen aus - und kurz danach gibt es neuen - noch warm! Lecker!
Irgendwann hört der Regen auf, ich hole ein trockenes Trikot aus der Tasche und weiter geht es.
Etwa bei Oppenheim fängt d e r Rheinabschnitt an,den man mit dem "romantischen Rhein" in Verbindung bringt. Weinberge, Weindörfer, Besenwirtschaften...
Das ist Nierstein, das sich jetzt Riesling City nennt. Ganz weit hinten in meiner Gedächtnisrumpelkammer kommt mir die Gedankenverbindung: "Niersteiner Domtaler, Trockenbeerauslese, extra süß". Klar von diesem Häkeldeckchenimage will man loskommen, verständlich. Da müssen schon Heinrich Heine und Victor Hugo herhalten, die vom Rheinhessenwein ganz offensichtlich begeistert gewesen sind. Wenn die gewußt hätten wie ihr Sprüche heute vermarktet werden, hätten sie auf "lebenslang Freiwein" bestanden.
Dass Rheinhessen, gar nicht in Hessen liegt, war mir vor dieser Reise gar nicht so klar. Ich bin noch immer in Rheinland-Pfalz.
Aber was soll ein Biertrinker über Wein schreiben!!
Die Treidelpfade am Rhein sind jetzt wirklich schön. Ich komme an der Einmündung des Mains vorbei und kurz vor Mainz wird es noch einmal ein verwirrend. Heidelberg Zement hat das gesamte Rheinufer in Beschlag genommen. Ist aber so gnädig noch schmale Wege über das Betriebsgelände zu lassen.
Wenn ihr gute Augen habt, dann seht ihr neben dem großen Silo vor dem flachen Gebäude, eine Fahne. Wißt Ihr was da drauf steht:
"Echt.Stark.Grün" - Heidelberger Zement positioniert sich neu!
Das ist noch frecher als "Nierstein - Riesling City!"
Aber eines stimmt. Die Fahne ist grün. No question, no doubt!
Trotz langer Regenpause bin ich um 15:30 im Hotel.
Schnell aus den Radelklamotten und Sightseeing.
Den Mainzer Dom kenne ich zwar schon, er lohnt sich durchaus ein zweites Mal. Das Einheitsbrei-Kaufrausch-Wunderland eher nicht.
Auf meiner privaten Kaiserdom-Hitparade nimmt Mainz den ehrenwerten dritten Platz ein. Nicht so spektakulär von Außen wie Speyer, nicht so interessant wie Worms von innen.
Obwohl ich sagen muss, diese barocken Selbstdarstellungs-Grabmäler haben schon was. Beim 2.Hinsehen sind sie unglaublich skuril. Wie wichtig sich diese wichtigen Menschen genommen haben, von wegen memento mori. Schaut her: "Ich bin wichtig!" Ich bete zwar gerade, aber das Objekt meiner Anbetung gerät ganz schön in den Hintergrund angesichts meiner Bedeutung.
Rechts oben, die Beine eines recht kleinen Kruzifixes. Was sich der Bischof in goldenem Ornat allerdings dabei gedacht hat sein Podest von lüsternen Teufelinnen stützen zu lassen, die sich die Brust streicheln, das hätte ich gerne gewußt
Und warum die Bocksfüße deutlich glänzen, das ist genau so spannend. Was bewirkt das Berühren des Bocksfußes? - Vorsichtshalber habe ich ihn auch angefasst, man weiß ja nie!!
So jetzt reicht`s. Heute kein Holländer-Michel und keine Nibelungen. Aber einen eindeutigen Beweis, dass ich heute wirklich in Mainz bin, muss ich noch liefern:
"Guddn AAbend!!" Und bis Morgen!


