Samstag, 21. Juli 2018

4.Tag: Von Worms nach Mainz



Das war mal ein interessantes Frühstück, heute bei Frau H. Zum einen, weil Paula (Name von der Redaktion geändert), die Requisiteurin der Nibelungen-Festspiele zu Worms auch in der Pension wohnte, (heute wird sie  wieder zurück nach Mallorca fliegen, denn gestern war Premiere), zum anderen weil Frau H. eine sehr vielseitige, sehr gesprächige und sehr kunstinteressierte Frau ist. Herr H., der nicht so heißt, ist auch sehr nett, lächelt verschmitzt, aber mehr als 3 Sätze kann er nicht zwischen die Damen klemmen. Dabei betreibt er ein sehr altes - und wie es scheint sehr renommiertes Weingut. Frau H. hätte es auch nicht nötig Pensionsgäste aufzunehmen, - aber ich glaube Herr H. reicht ihr nicht als Gesprächspartner - und Herr H.  ist froh, wenn jemand anderes die Breitseiten abbekommt.
Aber im Ernst, war ganz interessant was Paula so zu berichten hatte. Die diesjährigen Nibelungen-Festspiele führen ein neues Nibelungenstück auf, das Feridun Zaimoglu und Günter Senkel geschrieben haben. Soll gut geworden sein.
Jimi Blue Ochsenknecht durfte auch mitspielen und der ganze Ochsenknecht-Clan sei auch da gewesen und auch Richie Müller.
Ein Schauspieler habe erst vor 2 Tagen eine Blinddarmmoperation gehabt (minimalinvasiv), und bei der Premiere schon wieder auf der Bühne gestanden, nur für einen Schrei musste er gedoubelt werden, weil den noch nicht konnte...
Ihr seht, ich bin voll im Bilde!!
Frau H. sammelt auch Kunst. Als ich beim Bezahlen frage was das für ein gewaltiger grüner Propeller an der Decke über dem Flügel sei, - da gab es kein Halten mehr. Ein kleiner Vortrag über Konzeptkunst, ihre Sammlung, etliche Documenta-Teilnehmer....
Und der Propeller sei kein Propeller, sondern angemalte Leitplanken. Das Konzept des Künstlers ist es, Gegenstände aus ihrem Alltagskontext herauszureißen, ihnen scheinbar eine neue Bedeutung zu geben, die aber nichts bedeutet. Soll heißen, das sind keine Leitplanken, aber  auch keinePropeller, aber es sind mal Leitplanken gewesen, die nur aussehen wie Propeller, was aber nichts bedeutet.
Ich kenne die Konzeptkünstler - und ich finde sie in Museen interessant. Aber wenn ich einen Flügel hätte, bzw. ein ausreichend großes Wohnzimmer, würde mich mir im Lebbeit grünangemalte Leitplanken, die aussehen wie ein Propeller, aber keiner sind unter die Decke hängen. 
Außerdem machen Herr und Frau H ein joint venture, indem sie eine Flaschen pro Jahrgang von Künstlern bearbeiten lassen. Also nicht nur die Etiketten, das machen ja viele, sondern es entstehen Objekte, indem mal 2 Flaschen in einem Marmorblock verschwinden oder in einer Flasche der Korken bis zum Boden der Flasche geht - was den Inhalt der Flasche natürlich zur Sau macht - aber des isch KUNschd.
Das Haus von Frau H. ist eine Schatzgrube, - wäre ich ein bösartiger Mensch, würde ich sagen, mit der Betonung auf dem 2.Wort.
Aber ich bin ja nicht bösartig. Und ich habe mich wirklich sehr wohl gefühlt, - sehr, sehr anregender Morgen.
Ihr Tipp nicht mehr über Mainz zum Rhein zu fahren, war genial. Hinten durch die Weinberge und immer Richtung Kühltürme, eine tolle Strecke, hat richtig Spaß gemacht. Vor allem weil es heute Morgen endlich mal Wolken gab.



Ideale Radeltemperaturen. Das ist übrigens die Kirche von Horchheim ("Hochem").
Und heute bin ich -endlich - viel am Rhein entlang geradelt. Manchmal auf Schotter, manchmal auf dem Damm in einer engen Spur, aber immer in Rheinnähe.


Und im 11:00 Uhr - die erste 11:00 Uhr Banane! Jetzt ist die Tour am Rundlaufen !


Aber während noch der Selbstauslöser blinkt, drängen sich immer mehr Radler unter meine große Trauerweide - es fängt tatsächlich an zu regnen. Alles packt die Ponchos, Regenjacken, Satteltaschenüberzüge, Helmhauben... aus. 

Nur ich nicht!! Habe ich dieses Jahr doch tatsächlich meinen Poncho vergessen. Vielleicht auch halb unbewußt bewußt, denn diese mobilen Saunazelte sind eine Zumutung. Es regnet nicht stark, eine milde lauwarme Sommerdusche. Eine Stunde lang finde ich das ok. Doch dann regnet es stärker! Es wird eher oagnehm. Und auf diesem Abschnitt gibt es keine erreichbaren Bäume am Wegesrand zum Unterstellen. Entweder jenseits des Dammes oder jenseits von hohen Wiesen, durch die man nicht durchwaten möchte.
Also weiter.
 Dann in der Ferne etwas Weißes, neben einem großen Haus. Könnte das die Sonnenterrasse eines Restaurants sein?? Und tatsächlich, das Gasthaus "zum Rheinhof" ist meine Rettung - und die sicher 2 Dutzend anderer Radler. 


So in etwa sah die Rettung durch den Regen aus.
Die Leute von der Gastwirtschaft sind glücklich. Heute machen sie an einem Tag einen Wochenumsatz. Das Geschäft brummt. Ständig ist der Pflaumenkuchen aus - und kurz danach gibt es neuen - noch warm! Lecker!

Irgendwann hört der Regen auf, ich hole ein trockenes Trikot aus der Tasche und weiter geht es.

Etwa bei Oppenheim fängt d e r Rheinabschnitt an,den man mit dem "romantischen Rhein" in Verbindung bringt. Weinberge, Weindörfer, Besenwirtschaften...



Das ist Nierstein, das sich jetzt Riesling City nennt. Ganz weit hinten in meiner Gedächtnisrumpelkammer kommt mir die Gedankenverbindung: "Niersteiner Domtaler, Trockenbeerauslese, extra süß".  Klar von diesem Häkeldeckchenimage will man loskommen, verständlich. Da müssen schon Heinrich Heine und Victor Hugo herhalten, die vom Rheinhessenwein ganz offensichtlich begeistert gewesen sind. Wenn die gewußt hätten wie ihr Sprüche heute vermarktet werden, hätten sie auf "lebenslang Freiwein" bestanden. 
Dass Rheinhessen, gar nicht in Hessen liegt, war mir vor dieser Reise gar nicht so klar. Ich bin noch immer in Rheinland-Pfalz.
Aber was soll ein Biertrinker über Wein schreiben!!


Die Treidelpfade am Rhein sind jetzt wirklich schön. Ich komme an der Einmündung des Mains vorbei und kurz vor Mainz wird es noch einmal ein verwirrend. Heidelberg Zement hat das gesamte Rheinufer in Beschlag genommen. Ist aber so gnädig noch schmale Wege über das Betriebsgelände zu lassen.


Wenn ihr gute Augen habt, dann seht ihr neben dem großen Silo vor dem flachen Gebäude, eine Fahne. Wißt Ihr was da drauf steht:

"Echt.Stark.Grün" - Heidelberger Zement positioniert sich neu! 
Das ist noch frecher als "Nierstein - Riesling City!"

Aber eines stimmt. Die Fahne ist grün. No question, no doubt!

Trotz langer Regenpause bin ich um 15:30 im Hotel. 
Schnell aus den Radelklamotten und Sightseeing.
Den Mainzer Dom kenne ich zwar schon, er lohnt sich durchaus ein zweites Mal. Das Einheitsbrei-Kaufrausch-Wunderland eher nicht.
Auf meiner privaten Kaiserdom-Hitparade nimmt Mainz den ehrenwerten dritten Platz ein. Nicht so spektakulär von Außen wie Speyer, nicht so interessant wie Worms von innen.
Obwohl ich sagen muss, diese barocken Selbstdarstellungs-Grabmäler haben schon was. Beim 2.Hinsehen sind sie unglaublich skuril. Wie wichtig sich diese wichtigen Menschen genommen haben, von wegen memento mori. Schaut her: "Ich bin wichtig!" Ich bete zwar gerade, aber das Objekt meiner Anbetung gerät ganz schön in den Hintergrund angesichts meiner Bedeutung.


Rechts oben, die Beine eines recht kleinen Kruzifixes. Was sich der Bischof in goldenem Ornat allerdings dabei gedacht hat sein Podest von lüsternen Teufelinnen stützen zu lassen, die sich die Brust streicheln, das hätte ich gerne gewußt


Und warum die Bocksfüße deutlich glänzen, das ist genau so spannend. Was bewirkt das Berühren des Bocksfußes? - Vorsichtshalber habe ich ihn auch angefasst, man weiß ja nie!!

So jetzt reicht`s. Heute kein Holländer-Michel und keine Nibelungen. Aber einen eindeutigen Beweis, dass ich heute wirklich in Mainz bin, muss ich noch liefern:


"Guddn AAbend!!" Und bis Morgen!



Freitag, 20. Juli 2018

3.Tag: von Speyer nach Worms

Die Kaiserdome also: Speyer, Worms und Mainz.


Speyer ist sicher der Monumentalste. Und so sah ich ihn heute Morgen von meinem Zimmerfenster aus.
Die Leute vom "Halbmond" sind wirklich super nett.

ABER: WAS ICH MIR MERKEN MUSS!

Leber mit Apfel und viel gerösteten Zwiebeln ist extrem lecker, aber die Folgen sind nicht radtauglich!!

Auch wenn es heute gleich um 9:OO Uhr knackig heiß ist, die heutige Strecke kann ich entspannt angehen! Keine 50 km - habe ich mir ausgerechnet! 



Und es ist heute zum ersten Mal eine Rheinfahrt, die den Namen verdient. Teils direkt am Fluss,
teils in schattigen Auwäldern


Teils an Altrheinarmen, teils an kleinen Seen entlang. 
In Altrip habe ich viel über die "Rheinkorrekturen" gelernt. Bei Altrip hat Tulla den letzten Durchstich 1867 gemacht. Die weiteren hat man dann nicht mehr durchgeführt. Die Altriper scheinen nicht so 100%ig überzeugt zu sein, von dem Segen dieser Begradigung. Auf  einem der Schilder steht, dass jetzt das Hochwasser von Basel in 68 Stunden in Altrip ist, dass nach der Begradigung bis heute endlos Überschwemmungsgebiete bebaut und zu betoniert wurden, so dass die Dämme ständig höher werden mussten. Der Altriper Bauhof ist auf Hochwasser jederzeit eingestellt.

Und dann die Sensation des Tages!! Gestern sagte André Greipel nach seiner Aufgabe in der Tour de France: "Ich bin noch nie mit dem Besenwagen ins Ziel gefahren - es gibt für Alles ein erstes Mal!"
Und so war es bei mir!! Keine Angst, ich habe nicht aufgegeben, ABER
ich bin heute zum ersten Mal und ohne Friederike, und freiwillig, -ja wirklich, ich bin im Wasser gewesen!


Sorry, dass ich Euch dieses Bild antun muss - aber das ist der Beweis. Ich war im wunderschönen, und sehr idyllischen "Waldsee". In den See daneben, der "Kuhunter" heißt, hätten mich keine 10 Pferde hineingebracht. Ob das im Endeffekt so eine gute Idee war, wird sich Morgen weisen. Auf allen Touren bislang hatte ich noch keine wunde Stelle - aber heute!!

Als ich aus dem Wasser komme, entdecke ich folgendes:


Ich wusste es doch!!! Auf der diesjährigen Tour ist noch nicht alles perfekt! 

Klar, die 11:00 Banane!

Das soll nicht wieder passieren. Habe mir heute Abend in Horchheim, gleich eine bei Lidl besorgt!

Keine 3 km hinter meinem idyllischen Badesee war Schluss mit romantisch.


Ich nähere mich Ludwigshafen/Mannheim. Ob es wieder so ein Gegurke gibt, wie durch Karlsruhe?
Nach dieser Erfahrung habe ich beschlossen, keiner meiner 4 Informationsquellen allein Glauben zu schenke. Weder den Bikelinekarten, noch dem Teasi (formerly known as Albert), noch den Radwegausschilderungen, noch ortsansässigen Informanten- vor allem nicht 20 jährigen jungen Damen, die nicht die Spur einer Ahnung haben wo Worms liegt.
Und ich bin ganz gut damit gefahren.
Bikeline sagt: "Halte dich in Richtung Oggersheim", Die Schilder sagen, schon vor Ludwigshafen "Worms 28 km" und das Teasi will immer etwas anderes, findet aber dann den Weg den ich einschlage auch gut und gibt mir immer dann die richtigen Tipps, wenn es keine Schilder gibt.
Na also, geht doch!!!

Ich bin schon um 15:00 Uhr in Worms. Die Ferienwohnung Holl in Worms-Horchheim, am Weinberg, gibt an, ich könne erst um 18:00 in das Zimmer. Na, dann mal wieder Sightseeing im Radler-Outfit. War es auf der Strecke schon heiß, in der Stadt kocht der Asphalt. Der Wormser Dom feiert sein 1.000 jähriges Bestehen. Was natürlich Mumpitz ist. Von der Kirche die Bischof Burchard um 1018 gegründet haben soll ist nix, nada, nachweisbar. Der Beginn des Baues des heutigen Doms liegt über 100 Jahre später..


Bischof Buchard, segnet deshalb die Dauerbaustelle um den Dom! 
Er weiß, dass man es mit den Jahrhunderten nicht so genau nehmen darf. Eigentlich hätte Worms die Bauzäune um den Dom längst weg haben sollen, denn die Jahrtausendfeierlichkeiten waren ja schon. Aber anders als andere Dauerbaustellen,  kann man die Verzögerungen dieser Baustelle wenigstens verstehen. Frau Holl, meine Zimmerwirtin - und sehr beschlagene Fremdenführerin, erklärt mir später, dass man in Worms keine Schaufel in die Hand nehmen kann ohne, dass die Archäologen einem über die Schulter schauen. Dementsprechend haben sich die Bauarbeiten um den Dom gewaltig verzögert. 
Es ist gar nicht so einfach an und in den Dom zu kommen. Dutzende hilflos umherirrende Touristen fragen mich nach dem Weg.
Aber wir schaffen es Alle:


Der Wormser Dom ist von den 3 Kaiserdomen der kleinste. Speyer ist von außen viel beeindruckender. Aber dafür hat mir der Wormser innen besser gefallen. Da gab es wenigstens was zu sehen.

Ok, einen gewaltiger Stilmischmasch, aber wenigstens nicht nur kahle Wände. Und die gotischen Reliefe, sind ganz große Kunst.


Am besten hat mir "Wurzel Jesse" gefallen, wie olle David daliegt und der Riesenbaum aus seiner Seite wächst!! Großes Bildprogramm. Da sind Marvel-Comics ein Dreck dagegen.!
Aber auch wie man diese Äste und Zweige und Blätter aus dem Stein klopfen kann!
In Worms gibt es immerhin auch noch romanische Steinmetzkunst, zwar nicht mehr im Original an der Fassade aber in den Kreuzgängen.


Fantastisch die Wormser Löwen und Bären!

Worms ist eine einzige Umleitung, - ein Glück, dass ich sie als Radler ignorieren kann.
Das Gelände der Nibelungen-Festspiele ist ebenfalls großräumig abgesperrt.



Ja richtig, Worms ist ja auch noch Nibelungenstadt. Wer es vergessen hatte, wird auf jedem Meter darauf gestoßen:

Und überall Drachen! Mach was, Siegfried!


Ok, Worms! Ein Kreis schließt sich, auf der Donaureise habe ich die Nibelungen ja begleitet. Hier hat der Plumquatsch also angefangen. Da war doch der Zickenkrieg zwischen Brunhilde und Krimhild, wer zuerst in die Kirche darf! Aber wo ist die Treppe? In meiner Phantasie habe ich mir immer einen Haupteingang mit großer Treppenflucht vorgestellt, so wie die Treppen in Schwäbisch Hall, wo sich die Damen in die Haare kamen. Aber die gibt es nicht!


Heute gibt es nur 2 Seiteneingänge. Da hätten die beiden gleichzeitig eintreten können! Ja, ich weiß schon es ging um etwas anderes. Der Siggi hätte die Brundhild halt nicht.. und schon gar nicht als Gunther, so was macht man einfach nicht!!

Aber wenn Ihr jetzt glaubt, dass ich nach so viel Nibelungen nicht mehr die Kurve zu meinem Holländer-Michel kriege, der täuscht sich gewaltig!
Ohne ein Stück aus dem "kalten Herz" gehen wir nicht ins Bett.
Und wo ist die Schnittstelle?



Genau: Hannes der Tanzbodenkönig! Einer der Anhänger des Holländer-Michels, die ihr Herz verkauft haben:
"..er habe unweit von Bingen im Rhein mit der Stechstange, womit die Flözer zuweilen nach den Fischen stechen, einen Pack mit Goldmünzen herausgefischt, und der Pack gehörte dem großen Nibelungenhort, der dort vergraben liegt."

Da staunt ihr, was?
Wir sehen uns Morgen!



Donnerstag, 19. Juli 2018



2.Tag: Von Rastatt nach Speyer


Dass ich einmal Gegenwind als erfrischend begrüßen würde, das hätte ich nie für möglich gehalten. Dass es ein langer und heißer Tag werden würde, war mir heute Morgen klar, dass es aber ein so langer und ein so heißer werden würde.... Doch von Anfang an.

Eigentlich begann heute Morgen alles sehr entspannt und idyllisch. Mein Hotel direkt an der Murg, die Murg mündet in den Rhein. Also immer auf dem Damm am Rhein entlang - das war doch kein schlechter Plan - oder?


Aber das kenne ich ja schon von früheren Reisen, wenn der Tag zu perfekt beginnt, dann kommt irgendwann die Keule. Aber heute kam sie schon nach wenigen Kilometern. Von wegen der Murg entlang, von wegen am Rhein entlang, das Teasie ist im "unromantisch hochdrei" Modus. An die Murgmündung komme ich nicht  -nur in das Dorf davor, dann will das Teasie, dass ich rechts abbiege.



Das Flößerdorf an Murg und Rhein, musste ich aber auch nicht wirklich haben - Leerdeutschland und auch noch grundsaniert.
Ich folge also dem Teasi. Nach weiteren 10 Kilometern wird es mir zu blöd, da drüben zwischen den Bäumen muss doch irgendwo der Rhein sein, und wo der Rhein ist, gibt es Treidelpfade und Dammkronen zum Radeln. Ich pfeife auf das Teasi - und Bikeline hat mich heute komplett verraten. Zwischen Rastatt und Karlsruhe, passen die Kartenblätter so was von gar nicht zusammen, - Durmersheim* existiert bei Bikeline nicht, und genau hier, will ich unbedingt an den Rhein.

(* Inzwischen weiß ich aus Wikipedia: "Durmersheim ist eine 12 km südwestlich von Karlsruhe gelegene Gemeinde. Sie gehört zum Landkreis Rastatt und wird im örtlichen Dialekt, der eine Mischung aus südfränkischer und alemannischer Mundart ist, Durmersche genannt.")

mit folgendem Ergebnis


Ich stehe so was  "auf dem Acker", mehr Acker geht nicht, andeutungsweise eine Traktorspur,- das war´s! Reumütig bitte ich das Teasi mich hier rauszuholen



Wenn ich es nicht besser wüsste, dann kommt es mir so vor, als zeigte mir das Teasi mit höhnischer Genugtuung den Kringel von 5-6 km über Feldwege. Der Weg zum Rhein, war ein Satz mit x.
Also folge ich wieder brav der Teasiroute. Der Radweg ist ok, aber eben neben einer größeren Bundesstraße, in den Vororten von Karlsruhe "sogar" hinter einer Schallschutzmauer


Das ist Teasi-Romantik. Aber durch Karlsruhe Zentrum will ich auf keinen Fall. Ich habe inzwischen beschlossen, der rechten Rheinseite Adieu zu sagen und auf die linke Seite zu wechseln. Aber leichter gesagt als getan. Die Bikeline Karten funktionieren jetzt wieder, aber ich bin ganz schön ab vom Schuss.
Und um den Rheinhafen muss man auch noch kommen. Kennt ihr doch aus den Staumeldungen!!
Ein nettes Paar, das ich auf dem Radweg neben der Autobahn treffe, bestärkt mich in meinem Vorhaben. "Unbedingt über die linke Rheinseite Richtung Germersheim, Speyer fahren, wunderbare Radwege immer am Rhein entlang. Aber bis Wörth zieht sich der Radweg neben der autobahnähnlichen Bundesstraße. Dann die Rheinbrücke bei Wörth


Und endlich der Rhein. Die Brücke ist der reinste Wackelpudding, sie schwankt und vibriert extrem. Knapp 80.000 Autos und Laster pro Tag! Und dann noch 6 Kilometer bis Wörth.

ABER DANN:

Alles gut, die Welt wird wieder grün. Die Radwege sind am Rhein - allerdings ist der Auwald dazwischen. Im Vereinsheim der "Vogelzüchter-und Wildvogelliebhaber Wörth" mache ich Pause, traue mich aber kein Foto zu machen  - wilde Gesellen - und die Wirtin meckert in einem fort. Aber den Jungs gefällt´s.

Auf der Strecke vor Karlsruhe gibt es Orte wie Muggensturm, Muggenschopf, Muggenau, Muggendorf... und ich dachte bei mir, da muss es früher nicht sehr gemütlich gewesen sein. Doch jetzt in den Rheinauen merke ich, dass die Namen durchaus ihre Berechtigung haben. So weit ich meinen Rücken überblicke haben mich heute, 14 Schnaken durch das Trikot gestochen!! 

Inzwischen ist es 14:00 Uhr, es ist drückend heiß der Gegenwind hat nachgelassen, auf dem Damm kein Schatten. Es wird zäh.


Die Altrheinarme laden nicht wirklich zum Bade.
An einem alten Schleusenhäuschen ist eine Bank im Schatten - Pause.
Ein junger Mann kommt auf einem superteuren Karbonrennrad daher. Nicht mehr wirklich schnell.
Er bremst, quält sich vom Rad und setzt sich neben mich aufs Bänkchen. Er ist platt!

Er erzählt, dass er heute Morgen um 5:00 in Frankfurt losgefahren ist - moment Mal! Wir fahren doch jetzt grob gesprochen in Richtung Frankfurt. Ja er ist heute Morgen 150 km nach Süden nach Lauterbourg nach Frankreich, um einen Kaffee zu trinken, und jetzt ist er auf dem Rückweg. 300 km an einem Tag!! Ein anspruchsvoller Plan. So wie er neben mir auf der Bank hängt, habe ich so meine Zweifel. Nach unserer Pause ziehen wir weiter. Der junge Karbonradler ist schnell am Horizont verschwunden. 
Wow, würde mich schon interessieren, ob er das heute noch geschafft hat.

Dann endlich!


Ein Stück wirklich am Rhein entlang - und nein Friederike, ich habe nicht gebadet! Die Kiesbänke sind breit, - der Wasserstand ist sehr niedrig.
Aber das Glück währt nur wenige Kilometer, bis Germersheim, dann führen alle Radwege wieder weg vom Rhein. 


Geschichtsunterricht im Vorbeiradeln. Das ist eine Bayrische Garnison. Germersheim gehörte bis zum 1.Weltkrieg zu Bayern! Es ist eine riesige Festungsanlage aus dem 19.Jahrhundert. Aber zu mehr als einem "interessant" und weiter, hat es heute nicht gereicht. 

Die Wegweiser sagen, es ist noch 29 km bis Speyer. Das Teasi sagt, es seien nur  noch 19. Bei der Hitze will ich dem Teasi glauben - auch wenn ich längst weiß, dass solche "Abkürzungen" über die Hügel im Hinterland gehen. Aber dieses Mal ist es gar nicht schlimm. Nur raus aus der Hitze!!

Gegen 16:00Uhr komme ich am "Halbmond" in Speyer an.


Ist er nicht schnuckelig? Aber leider steht ein Schild am Eingang, dass bis 18:00 Mittagspause sei. Obwohl ich mich für früher angemeldet habe, macht niemand auf. Also Sightseeing in Radlerklamotten. 
Der Dom zu Speyer ist wirklich beeindruckend - hauptsächlich von Außen. Weltkulturerbe hin oder her. Der Dom ist wirklich ein unglaubliches Bauwerk, aber innen ist er mir zu aufgeräumt und die Bilder haben mich auch kalt gelassen. 
Und auch die Innenstadt - klar bei der Hitze ist überall der Hund begraben, aber ich glaube zu anderen Jahreszeiten steppt der Bär hier nicht unbedingt.
Und warum der Speyerer unter einem Bayrischen Maibaum im Juli in einer Blau-weisen "Gartenwirtschaft" auf Kopfsteinpflaster sitzen sollte, ist ein weiteres ungeklärtes Rätsel dieser Reise.




Beim "Halbmond" ist  inzwischen jemand ans Telefon gegangen, nette Leute, kommen gleich.

82 Kilometer sind es heute geworden - statt der geplanten 71. Aber alles gut.

Kleiner Nachtrag zu gestern:

Nachdem mich heute die Flößer und der Holländer Michel so im Stich gelassen haben, außer einem Ortsschild und einem Rinnsal von Murg war heute nicht viel "Themenradeln".
Aber gestern, hatte ich noch eine Begegnung:

Zu Anfang beschreibt Hauff im "kalten Herz" den Schwarzwald und die Schwarzwälder, u.a, so:

"..Am schönsten kleiden sich die Bewohner des badischen Schwarzwaldes; die Männer lassen den Bart wachsen, wie er von Natur dem Mann ums Kinn gegeben ist..."

Dieses "Bild" von einem "Mannsbild" hing in einem Offenburger Friseurgeschäft.


Ob die umbarteten Kinne zu Hauffs Zeit wirklich so ausgesehen haben - oder träumen sich unsere Hippster vielleicht nur schnurstracks zurück ins ins 19.Jahrhundert?

(Kurzer Besinnungsaufsatz, nicht weniger als 320 Wörter)

Wir sehen uns Morgen !

Mittwoch, 18. Juli 2018





1.Tag: Von Offenburg nach Rastatt


"..und es ist Sommer!!" - und ich bin wieder unterwegs! Ein wunderschöner Tag, allerdings knackig warm, da konnte ich dem kräftigen Gegenwind nicht einmal böse sein.
Aber von Anfang an.


Ganz gemütlich eingestiegen, 10:16 Engen- Offenburg, großer Bahnhof!! Mom mit Rollator stand am Bahnsteig, um mich zu verabschieden!  Das war richtig rührend!

Dann tiefenentspannt durch den Schwarzwald. 





Der Holländer-Michel lässt mich heute nicht los. Solche Stämme wurden tatsächlich noch bis zum 1.Weltkrieg auch über Kinzig und Murg nach Holland transportiert. Aber zum Holländer-Michel kommen wir später.
In Offenburg angekommen, ist erst einmal Schluss mit "Romantik". Friederike wäre wahrscheinlich schnurstracks zurück zum Bahnhof gefahren. Das romantischste  (einmal bitte laut aussprechen! Das Wort leihe ich der Polizei für Alkoholkontrollen) auf den ersten 15 Kilometern war der "Dachdeckerbedarf - Süd",  die zentrale Zollabfertigung, der Baumaschinen-Verleih und "Naturprodukte-Scheuermann", sonst Kiesgruben, Kieslaster, Kies. 
Das wirklich beunruhigende jedoch war, dass die Berge- der Schwarzwald, immer wieder auf der "falschen Seite" auftauchen.

 Ich will nach Holland!! Da hat der Schwarzwald gefälligst auf der rechten Seite zu sein!! Ich  traue dem Teasi - seit England - noch immer nicht so recht über den Weg. Wohin lenkt er mich? Wenn ich Richtung Kehl fahre, dann müsste der Schwarzwald doch hinter mir sein - aber nicht LINKS VON MIR!! Meine Bikeline Karten helfen mir auch nicht weiter, denn die zeigen nur einen schmalen Streifen links und rechts des Rheines, und den habe ich heute den ganzen Tag nicht gesehen!!
Aber irgendwann dreht - irgendjemand - gnädigerweise die Kulisse und die Berge stehen rechts -
UND DER WIND BLÄST MIR SEHR KRÄFTIG VON HOLLAND HER INS GESICHT.

Was soll denn das! 

t

Schnurgerade Straßen, kilometerlang und ich schleiche mit 12/13km/h durch die menschenleere Rheinebene.
Es gibt ja schon diverse Reiseformate. "Wildes Deutschland", "Romantisches Deutschland", "leckeres Deutschland" - aber ab heute werde ich ein neues Format hinzufügen: "Leeres Deutschland". Kilometer lang nichts. NICHTS. Kein Verkehr, keine Menschen, keine Cafes, Nichts.- Nur Gegenwind. Dass Deutschland so leer sein kann, hätte ich nicht gedacht.



Doch dann kam:


In Muckenschopf habe ich zwar auch niemand getroffen, - zum Glück auch keine Mucken - aber dafür war das Dorf unglaublich schön.


Ein Fachwerkhaus, ein Bauerngarten am anderen


Ich bin völlig baff.
Und anscheinend fühlen sich die Menschen, die anscheinend hier leben auch noch wohl, 





Ich habe sie zwar nicht gesehen, die Dorfkinder, aber ich bin mir sicher, es geht ihnen gut.
Auch die nächsten Dörfer, im "leeren Deutschland" - wären auf Friederikes Skala für romantisches Radeln ganz weit oben gelandet.


Das ist übrigens die Acher. Und hinten ist die ehemalige Schuhfabrik "Hopsa-Schuhe". Wirklich schade, dass es Hopsa Schuhe nicht mehr gibt, beziehungsweise, dass ich nicht einmal geahnt habe, dass es "Hopsa Schuhe" einmal gegeben hat. Man könnte ins Philosophieren kommen. Täglich sterben Käfer, Pflanzen, Amöben, Schnecken, Schuhfabriken aus, von denen man nie gewusst hat, dass es sie einmal gegeben hat. Seufz!



Das "leere Deutschland" hat manchmal einen mediterranen Touch, manchmal ahnt man, dass hier Hundertschaften von Erntehelfern (wir verkneifen uns landsmannschaftliche Zuordnungen) vor kurzem noch Spargel gestochen haben, - 



Leise vor mich hin philosophierend, erreiche ich Rastatt, - die "Barockstadt". Und gleich hinter den Fahnen am Ortseingang, die mir das verkünden, sehe ich auch schon das erste Barockbauwerk:



Ich hoffe nur, dass die Biergarnituren in Hintergrund nicht zum Feiern da stehen, sondern für ernsthafte "Fortbildungsveranstaltungen" verwendet werden.

Meine heutige Unterkunft liegt - Holländer-Michel gerecht, direkt an der Murg.


Das lässt hoffen, dass ich Morgen - so wie mir das liegt - erst einmal an der Murg entlang zum Rhein radle und dann Richtung Norden.
Das Rastatter Schloss habe ich mir natürlich auch angeschaut - von aussen



Für das Museum der deutschen Freiheitsbewegungen bin ich leider zu spät dran. Es hat schon um 17:00 Uhr zu gemacht und bis 9:30 Morgen werde ich auch nicht warten!
Wobei mich heute beim kontemplativen Radeln ein Frage sehr bewegt hat, die ich hier vielleicht (aber wahrscheinlich eher nicht) beantwortet bekommen hätte.
Nämlich, was haben Friedrich Hecker und der Holländer Michel gemeinsam - und vor allem warum???


      

Na seht Ihr es? Nicht? Ok, dann zitiere ich mal das Heckerlied!

"Seht da steht der rote Hecker,
eine Feder auf dem Hut,
seht da steht der Volkserwecker,
lechzend nach Tyrannenblut,
Wasserstiefel, dicke Sohlen,
Säbel trägt er und Pistolen ...

Wasserstiefel!!! Und vom Holländer-Michel wird berichtet, dass ein normaler Mann, seine "Wasserstiefel" nicht mal anheben konnte. Beim Holländer Michel macht das Sinn, denn der
"sprang flugs ins 3-4 Fuß tiefe Wasser und zog und druckte das Floss um Biegungen und Sandbänke..."


Aber warum brauchte der Hecker, Friedrich Wasserstiefel, - von Konstanz, über Engen durch den Schwarzwald, 
"bis hernach ins Wiesental..."
waren die Kloben doch eher hinderlich.

Hausaufgabe bis Morgen:

"Warum hat Friedrich Hecker Wasserstiefel getragen" - Und was sollen wir daraus schließen?

Ich höre von Euch! Bis Morgen 




24.Tag: Wieder zurück!! Wie versprochen, melde ich mich noch einmal, um Euch von meiner abenteuerlichen Rückreise zu berichten! ...