Samstag, 4. August 2018

18.Tag: Von Amsterdam bis Amersfoort


18.Tag: Von Amsterdam bis Amersfoort




Gestern spät in der Nacht hat mich aus  dem fernen Engen eine Email erreicht, die ich gerne an Danjiboy Rahman weitergeleitet habe:

Beobachtungsprotokoll, Danjiboy Rahman  (Fakultät für europäische Anthropologie, Jaipur/Rajastan) 2.8.18., Norwijk Holland, zur "Frage der Triebstruktur holländischer Familien im 21.Jahrhundert"

Hochgeschätzter Herr Rahman,

oh dass es doch mehr solcher engagierter Feldforscher gäbe! Mehr zu Ihrem Wirken und zu Ihrer Person zu sagen ist einfach nicht möglich!

Ich würde die o. g. Publikation gern liken, vermisse aber den obligaten und sonst allgegenwärtigen Button. Daher jetzt meine Meinung auf die Weise vergangener Zeiten:

I like it!

Weiterhin Gut Feld:

Heute erreicht mich von Herrn Raham,  folgende Email, die ich gerne an Herrn Schmidt, dem Verfasser der obigen Email weiterleite:

Lieber, hochverehrter Herr Schmidt,

ihre ermutigenden Worte, waren eine wahre Wohltat für mich. Sie werden es vermutlich erahnen, wie schwer die Feldforschung so fern, der eigenen vertrauten Kultur sein kann und wie oft der Selbstzweifel zu nagen beginnt. Aber wie es der Zufall will: Ihre Email und  neue Erkenntnisse, haben mich in meinem Anliegen bestärkt, die mir manchmal so fremde Kultur der Niederländer besser verstehen zu lernen, und damit einen Beitrag zur allgemeinen Völkerverständigung zu leisten. Stelllen Sie sich vor, lieber Herr Schmidt, gerade heute entdecke ich folgendes Plakat an einer Straße von Hilversum:



Erinnern Sie sich an den Frühstückstisch von meinen "Informanten" in Noordwijk? Die Schachtel mit den, an "Mäusekot" erinnernden, braunen Stäbchen?
Oh, wie falsch bin ich gelegen! Dieses Bild belegt eindeutig, es ist viel komplexer. Sehen sie das Mikrofon? Die jungen Menschen haben zweifelsohne schon den Schritt zum Erwachsenenalter vollzogen, bauen ein Schreckszenario für die Jüngeren auf, wie wir das aus vielen anderen Kulturen kennen (ich erinnere an Meyers et.al., Erwachsen werden bei den Hopi,). Es handelt sich offensichtlich um eine andere Art von Ekelschranke. Diese kleinen brauen Stifte, die die junge Dame, deutlich sichtbar auf ihren Frühstückstoast gestreut hat, - leben!  Und der junge Mann nimmt die Geräusche der - ich bin mir sicher - Maden, im Karton auf! 
Ich weiß zwar nicht, was an dem Genuss von Maden abschreckend sein soll, aber offensichtlich ist für das niederländische Kind  eine absolute Ekelgrenze erreicht! 

Lieber, hochverehrter Herr Schmidt! Sie sehen mich hochmotiviert und fest entschlossen, die letzten Rätsel der niederländischen "Seele" zu enträtseln.

Bleiben Sie mir gewogen
Ihr 
Danjiboy Rahman

Aber jetzt Schluss mit dem Blödsinn!

 Aus Amsterdam herauszufahren, war ebenso leicht und entspannt wie die Einfahrt. Eher noch kürzer.
Die Radwege bieten heute Morgen keinen Schrecken.



Niemand hetzt zur Arbeit, keine Roller, keine Beinahe-Unfälle. In weniger als 20 Minuten bin ich aus der Stadt, oder besser gesagt, an einem Kanal der aus der Stadt herausführt.



Und wie überall auf der Welt breitet sich auf ehemaliger Industriebrache, die neue Gentry aus. Dieses sind die neuen "Einfamilienhäuser", der Reichen, die den richtigen Riecher hatten. In 10 Jahren sind das die Toplagen. Das Haus in der Mitte hat ein riesiges Gewächshaus auf dem Dach. Zur Zeit allerdings verwaist.

In Diemen treffe ich tatsächlich die schwul-lesbische Indoorfußball Mannschaft auf dem Weg zur schwimmenden "Gay Pride"- Parade in die Innenstadt.



Wir winken uns fröhlich zu und fahren unserer Wege.

Kurz danach das obligatorische Bild:



1.000 km sind erreicht!

Es ist heute - wem sage ich das - sehr heiß. 
Doch an den Kanälen entlang, und über die Kanäle hinweg, lässt es sich angenehm fahren.



Das könnte der Rhein-Amsterdam-Kanal sein, dem ich schon bei Tiel begegnet bin. Zumindest ist die junge Dame fest davon überzeugt, der mitradelnde Freund hat so seine Zweifel. Auch der Niederländer kommt bei dem vielen Gewässer manchmal ins Schleudern.



Dann wird mal wieder die Straße vor mir hoch geklappt.


Und dann das Naardermeer. Ich mache dieses Foto - und stelle fest: ich höre nichts. Absolut nichts. Keine Straßenbahn, keine Autobahn, keine landenden Flugzeuge, keine Kneipenbesucher, keine Motorräder, kein Hupen, keine Hotelangestellten, die sich unter dem Fenster unterhalten, - NICHTS! 
Einfach nichts. Das war so schön! 

Hilversum habe  ich großräumig umfahren. 

Kurz dahinter, eine völlig andere Landschaft. Ich fahre durch einen schönen alten Wald. Buchen, Kiefern - und leicht bergauf. Ein ganz ungewohntes Erlebnis. Hinauf zur Hooge Vuursche. Angenehmes Fahren im Schatten. Ich schlage gerade in Gedanken, mein "blog Notizbuch" auf, um festzuhalten, dass ich keine Schilder gesehen habe, die darauf hinweisen, Schneeketten anzulegen, da überholt mich mein geplanter Gag von hinten:



Sommerskiläufer auf der Zielgeraden!

Nie wieder werde ich über Holländer und die Berge Witze reissen! 

Von der Hohen Vuursche rolle ich runter nach Soest. Da fällt mir ein Schild auf:

Paleis Soestdijk

sagt mir nichts. Und das ist das Schöne am Radreisen. Man hält so leicht an - und wird überrascht.



Paleis Soestdijk ist ein Heiligtum für den royal affinen Holländer. 

Das Schloss stammt aus dem 17. Jahrhundert. Mein Freund, der II. Willem (warum es im 16. Jahrhundert einen III.Willem gab, werde ich noch herausbekommen), der mit dem witzigen Hund,  hat es 1818 zu seinem Stammwohnsitz mit seiner Anna Paulowna gemacht.
Und Königin Juliane und ihr Bernhard haben hier fast 70 Jahre gewohnt, bis sie 2004 gestorben sind.



Da sich meine Affinität zu Königshäusern in Grenzen hält, fällt meine Besichtigungstour durch das Schloss relativ kurz aus. Was den netten Damen vom Freundeskreis Soestdijk, die dem netten "Kanadier" gern mehr erzählt hätten, durchaus aufgefallen ist.



Aber wenn mir jemand einreden will, dass Männer in Uniformen jemals im royalen Haushalt, den Abwasch gemacht haben, dann kann ich nur müde lächeln. Das ist ganz schlechtes Produktmarketing!!
Trotzdem war es nett bei Königs vorbei geschaut zu haben.

Amersfoort ist die Überraschung schlechthin. Ein quirliger, sehr sympathischer Ort. Auf allen Plätzen ist heute Markt. 
Die Altstadt  ist komplett von einem Stadtgraben umgeben. Hier gibt es noch sehr viel alte Bausubstanz und interessante Ecken, ohne von Souvenirläden entstellt zu werden. Direkt neben meiner heutigen Unterkunft ist die älteste Kirche der Stadt. St. Joris. Backsteingotik kommt ja immer eher unspektakulär daher, aber was ich dann gesehen habe, war schon sehr ungewöhnlich. 
Auch hier wieder sehr nette, auskunftsfreudige Menschen. Zuerst werde ich gefragt: "Kirche oder Konzert?" - Ich etwas ratslos - "beides?" "Sie können sich gerne das Konzert anhören. Aber auch die Kirche anschauen."
Ungewöhnlich.



Ich schaue mich erst einmal um. Der "Glöckner" fällt mir auf. Die nette Dame vom Empfang erklärt mir, dass er eine wichtige Funktion hatte. Für den Fall, dass der Pastor länger als 2 Stunden predigte, betätigte er die Glocke. Wenn der Geistliche dann immer noch nicht aufhörte, musste er eine Strafe an die Armenkasse bezahlen.


Das spektakuläre an St. Joris ist aber etwas anderes.

Es gibt nur wenige Bauwerke, an denen man ihre Baugeschichte so deutlich ansehen kann.

Um 1200 wurde eine romanische Wehrkirche gebaut.
Um 1300 wird um diese eine gotische Kreuzkirche gebaut.

die romanische Kirche bleibt aber stehen. Und der Turm wächst praktisch aus der gotischen Kirche heraus. Abgefahren!


Das ist der Kirchturm - im Inneren der Gotischen Kirche.
Der Innenraum der romanischen Kirche ist aber auch noch da!



Seht Ihr inter der gotischen Säule, den Kirchenraum in der Mitte? Mit den romanischen Rundbögen im oberen Teil. das genau war die romanische Kirche, an die links und rechts zwei gotische Kirchenschiffe angeklebt wurden. So etwas habe ich noch nirgendwo gesehen. Ausser vielleicht in Syracus, wo ein griechischer Tempel komplett übernommen wurde, um daraus eine christliche Basilika zum bauen.
In dieser Kirche ist ganz wenig "verloren" gegangen. Baugeschichte pur!



Hinter dem wunderschönen Lettner, sitzen die Menschen, die wegen des Konzertes gekommen sind. Ich habe es von hier aus genossen. Aber es gibt einfach so viel in dieser Kirche zu entdecken.




Könnt Ihr die Schere sehen?




Ein Bäcker, in der Kirche begraben?




Und ein Schäfer. Im ganzen hinteren Teil der Kirche ist Grabplatte an Grabplatte. Aber nicht Ritter Kunibert und seine Kunigunde. Sondern Bäcker, Schäfer, Schneider. Meine Informantin meinte, das seien schon reiche Bürger der Stadt gewesen. Aber anderswo gehörten Schäfer und Schneider nicht unbedingt zur Hautevolee!

Diese Kirche hat mich beeindruckt.
Aber auch der Ort selbst bietet an jeder Ecke Neues.

An der Kirche, noch gut erhalten, die Waage:



Mit dem Häuschen des Waagmeisters. Gerade solche wichtigen Elemente mittelalterlicher  "Markt"- Wirtschaft sind heute fast überall verschwunden, vor allem wenn Sie aus Holz sind.
Oder die so wichtigen "Läden" - woher der Laden seinen Namen hat.



Das ist ein Laden, wenn er geschlossen ist. Klappt man einen Laden nach oben, und einen Laden nach unten. Hat man einen "Laden", auf dem man seine Waren anbieten kann.




Hier sind die Läden nach oben gestellt, aber die für die Waren, sind noch unten. Werden natürlich heute nicht mehr so genutzt. Aber alles ist noch da.





Amersfoort hat wirklich an jeder Ecke was zu bieten.

Ich wohne im




Logement de Gaaper.

Die Betreiber sind sehr nett. 

Es ist wohl das älteste Haus der Stadt. Aber super auf dem Stand. Kein Vergleich mit manch anderem Schuppen, mit versifften Teppichen und Brandflecken. Hier gibt es sogar eine funktionierende Klimaanlage.

Aber was bedeutet: Gaaper?

Und was soll der Kopf mit dem aufgerissenen Mund.

Der junge Mann, dessen Freundin in Toronto wohnt, und der sich sehr freut, als ich mit meinem Canada-Trikot einlaufe, erklärt mir das ganz genau:


Als die Bader noch auf den Jahrmärkten auftraten und ihre Wundermedizinen an den Mann bringen mussten, hatten sie sich - irgendwann, als Sklaven erschwinglich wurden, solche angeschafft. Die mussten dann, bei den Präsentationen den Mund aufmachen und die Wundermedizin schlucken.

Wie gesagt, Sklaven waren damals erschwinglich. Und konnten leicht ersetzt werden.
Als dann aus dem Bader ein ehrenwerter Beruf wurde, -Apotheker nämlich, behielten sie als Erkennungsmerkmal den "Gaaper" - den Gähner, den Mundaufmacher bei. Diese Köpfe hingen in Holland lange Zeit über Apotheken.
Meine Unterkunft war die älteste Apotheke in Amersfoort, bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts:


Und besitzt eine beachtliche Sammlung von echten  Gaapern.

So, jetzt ist aber gut.

Wir sehen uns Morgen!!







Freitag, 3. August 2018

17. Tag: Ruhetag in Amsterdam


AMSTERDAM - d i e  Stadt der Fahrradfahrer!!!
Stimmt! Und doch bin ich noch selten so ungern Rad gefahren, wie heute in dieser Stadt. Zum einen, weil die Berufspendler unheimlich "heizen" - immer im Stress. Ich dagegen gemütlich sightseeing machen wollte. Zum Andern, dürfen auf den Radwegen, Mopeds, Motorroller, ja sogar die kleinen Miniautos fahren. Und alle wollen immer und ständig an dir vorbei. Und die Radwege sind schmal, und rechts neben dir unberechenbare Fußgängergruppen, die auch schon mal, einen Schritt auf den Radweg machen.
Ich komme gerade vom Abendessen. Das Lokal liegt an einem viel befahrenen Radweg. "An" ist nicht ganz richtig. Der Radweg geht durch das Lokal, denn auf der Seite an der Straße sind auch noch Tische. Ich frage, den Kellner, "seems pretty dangerous" -  Er nickt. "Never hurry! It´s deadly!"

Heute Morgen beginne ich mein heutiges Kulturprogramm völlig entspannt. Fürs Rijksmuseum und das Stedelijk habe ich Karten online bestellen können. Das van Gogh ist heute komplett ausgebucht.
Zwei "Großkaliber" sollten reichen!

Ich radle entspannt los. Und bin gleich im Stress. Am Park neben dem Hotel biege ich gleich rechts ab. Erst einmal eine Runde TaiChi!!


Der Park ist ein "Wandelpark" - also keine Fahrräder!
Gut! 
Jetzt kann mich nichts mehr schocken - auf den nächsten 2 km.

Das Rijksmuseum um 9:30 ist noch wenig besucht. 
Kühle halbdunkle Museumsräume sind genau das richtige an so einem Tag. Ich lasse mir heute viel Zeit. Das Museum hat mehr als nur Rembrandt zu bieten. 
Ach ja, in Leiden habe ich Rembrandt Hermann genannt. Sein richtiger Vorname ist natürlich Harmenz, eigentlich auch schon nicht richtig sondern Harmenszoon, d.h. "dem" Harmen "sein" Sohn,
der Vater war Harmen Gerritszoon van Rijn - und der war der Sohn vom Gerrit. Wie sein Taufname war, scheint nicht bekannt zu sein, "Paul" war es jedenfalls nicht.
Harmenz bedeutet der "Krieger"- Hermann, der Heermann auch, so kam ich drauf Harmenzsoon - Hermann zu nennen.
Egal.
Ich weiß gar nicht wo ich beginnen soll. So viele umwerfende Eindrücke - und schließlich will ich nicht, dass ihr trotz meiner Begeisterung langsam hinweg dämmert. 
Also nur einige ganz wenige Eindrücke.

Das erste Bild das mich total gefangen nahm


Es stammt von Jan Veth (1885) und stellt seine 3 Schwestern dar - "still living at home", wie in der Bilderklärung steht. So viel Leid, so viel Verbitterung, so viel Fremdbestimmtes Leben - es nimmt einem fast den Atem. Ich gehe davon aus, dass links die älteste Schwester ist, die Jüngste in der Mitte. Die Älteste hat die "entspanntesten" Züge. Sie hat sich mit Ihrem Schicksal abgefunden. Die Mittlere ist voll von Verbitterung und Wut, und die Jüngste sieht einfach keine Zukunft. Protestantische Rechtschaffenheit. Despotischer Hausherr. Wer schreibt einen Roman über diese 3 Frauen. Das Bild wird mich noch lange verfolgen!

Dann haben mich der Raum mit den Dioramen in Beschlag genommen. Dutzende von Darstellungen aus den holländischen Kolonien. In ihrer kolonialen Überheblichkeit sehr entlarvend.


So stellte man sich in Holland das Leben auf einer Tabakplantage in Batavia vor. Nach harter Arbeit, tanzt der Negersklave, wie es so seine Art ist, am "Feierabend"! Oh Mann!



An diesem Bild gefällt mir vor allem der Blick des Hundes. Bewundert er seinen Herrn? Irgendwie hat er einen ironischen Zug um den Mund. Weil sich sein Alpha-Rüde in Ausgehuniform geworfen hat? Oder weil sie hinter ihm im Atelier eine Düne aufgebaut haben, und er seinen Chef fragen will, was das ganze soll und ob er vielleicht mal kurz hinter die Düne darf?
Dabei ist der Porträtierte  Wilhelm II für Holland eine wichtige Person. Er hat 1848, als die Monarchien in Europa zitterten, auf seine königlichen Privilegien verzichtet und der Parlamentarischen Demokratie den Weg frei gemacht.

Ja, Mannes Hitparade fällt ein wenige seltsam aus. Und es wird noch seltsamer.


Das war mein absolutes Lieblingsbild. Sehr Ihr, was ich sehe? Wohin gehört der blaue Ärmel? Und wohin fasst die Hand? Soso, ich dachte immer Engel interessierten sich nicht für knackige Männerhintern!!!

Ist dem Mann, dessen Gesicht links vom grünen Flügel zu sehen ist, etwas aufgefallen? Er schaut so streng.
Und der von uns ertappte Engel, der uns direkt anschaut, was sagt er zu uns?

Da würde ich gerne Eure Meinung hören!!

(Meine Version lautet: "Pst! Verratet mich nicht, wenn Ihr Glück habt, schiebe ich Euch auch ins Paradies!"

Das Bild ist von Lucas de Leiden, und nur vorübergehend hier zu sehen, aber welch ein Meisterwerk! Kein Zweifel von Italien beeinflusst, aber viel fantasievoller.

Es geht wieder einmal um das jüngste Gericht. Auf der linken Seite, das haben wir gesehen, bekommen Männer auch schon mal eine nette Hand auf den Po gelegt , rechts dagegen, die Verdammten...
das kennt Ihr ja aus anderen Bildern.

Ich könnte noch eine ganze zeitlang so weiter machen. Aber eines noch aus dem Rijksmuseum. Ich habe die holländischen Genrebilder, bis auf die vom Bauernbreughel, immer ein wenig als kommerzielle Belustigung des städtischen Bürgertums auf Kosten des tumben Landvolkes betrachtet. Aber da bin ich wohl richtig falsch gelegen. Heute habe ich wirklich viel gelernt.
Es geht fast immer um protestantische Ethik.

Die Bauernhochzeiten, die Kneipenszenen, das Kartenspiel, das Tabaktrinken, ist immer protestantisches Programm gegen Völlerei, Unzucht und weltliche Genüsse, die man nicht einfach so wegbeichten kann und hinterher wieder so weitermachen wie gehabt.


In solchen Genreszenen steckt oft viel mehr. Das Bild ist etwas klein geraten, sorry. Aber vielleicht erkennt ihr trotzdem was ich meine. Auf den ersten Blick vergnügt sich das gehobene Bürgertum auf dem Eis. Gediegene Kleidung und Pelz schütz vor der Kälte. Im Vordergrund in der Mitte aber steht ein Bettler mit rotem Umhang und schlechtem Schuhwerk, der auf dem Eis kaum vorwärts kommt. Links haben Männer ein Loch ins Eis gegraben, um Fische zu Angeln. Nicht als Hobby, sondern aus Notwendigkeit. Und hinten rechts, droht der Galgen, mit drei Gehängten.
Eine Gesellschaft bewegt sich auf dünnem Eis!!


Und eine Warnung, sich seines Wohlstandes nicht allzu sicher zu sein, findet man in jedem dieser "harmlosen" Bilder, wenn man erst einmal auf die Spur gekommen ist. Diese fröhliche Trinkgesellschaft in feinem Zwirn, feiert - im Hintergrund an der Wand ein Bild von der Sintflut!!

Man, ich hätte bis heute nicht gedacht, dass diese Malerei so topp aktuell ist.

Selbst in einem harmlosen Stilleben steckt  alles drin.



Die Tulpe rechts mit den roten "Flammen" ist eindeutig eine "Semper Augustus" - die teurste Tulpe aller Zeiten, die um 1630 rum,  die erste Spekulationsblase zum Platzen gebracht hat. "Tulpenfieber" nannte man das, irrwitzige Preise wurden für einzelne Zwiebeln gezahlt. Kein Wunder, dass der Frosch den Löffel abgibt, ob so viel Größenwahns!

Ach, ich hätte heute noch so viel zu zeigen!  Ich weiß,.. weniger ist meistens mehr. Aber 2 Bilder noch, ok?



Das hier ist der Hammer zum holländischen Dauerthema, Protestantismus gegen Katholizismus. Es heißt die "Seelenfischer". Links die Protestantischen, da steigen geläuterte Seelen, nackt wie der Herr sie schuf,  in das Boot der einzig rechtmäßigen Kirche, im Hintergrund bringen die katholischen "Würdenträger" das Seelenfischerboot fast zum Kentern, sogar der Gekreuzigte (ein Kruzifix) fällt vom Boot und geht Baden. Links die protestantische Welt, mit grünen Bäumen und geordneten Verhältnissen. Rechts verdorrte Bäume und alles in roten Ornat, "römische Schmarotzer". Wenn das kein gelungener Propagandafilm ist!!
Und ein allerletztes aus dem Rijksmuseum.


Geht man in protestantische Kirchen, bzw. in protestantisch umgewandelte ehemals Katholische Kirchen, dann sieht man noch heute die Folgen des nachreformatorischen Bildersturms.
Ich habe noch kein Bild bis heute gesehen, das die "Bilderstürmer" feiert! Hier wird gleich ein Heiliger von seinem Podest herunterpurzeln.

Und jetzt zum Gegenprogramm, ins Stedelijk. Moderne Kunst vom Feinsten. 
Gut ein halbes Dutzend Sonderausstellungen und dazu noch die Präsentation der Sammlung. Ein Mammutprogramm. Aber wie gesagt, in den Hallen ist es kühl.

Zuerst, die Plakate habe ich ja auf der Reise schon mehrfach gesehen, die Sonderausstellung zum "Summer of 68", dem Hippie-Amsterdam, der Ikone der Befreiung in jeglicher Hinsicht.

Es ist schon ein bisschen bedrückend, wenn man feststellen muss, dass "die eigene Zeit" museal geworden ist. Ich habe wirklich sooo viel gekannt, und damals bewundert, Meine erste Reise nach Holland habe ich mit der Kriegsgräberfürsorge gemacht, so um 1966/67. wir haben bei Venlo auf einem Soldatenfriedhof  gearbeitet,  und haben zur Belohnung einen Ausflug nach Amsterdam spendiert bekommen, und natürlich habe ich mir auf dem Flohmarkt in Amsterdam, Peacebuttons, und einen grünen Parka gekauft.


Flower Power, 

Love- ins im Vondelpark. Und diese "hektographierten" Flugblätter! ich rieche noch heute den reinen Alkohol, mit denen man die Matrizen anfeuchten musste, um Abzüge zu machen. 
Man war in der ersten Stunde noch immer high vom "abnudeln" der Arbeitsblätter.


Anti-Vietnam und die psychodelischen Filme zur Musik von Jefferson Airplane und den Birds. Das war wirklich eine Zeitreise. Und keineswegs eine nostalgische. Die Naivität mit der man an die eigene Stärke geglaubt hat, wirkt auch etwas kurios.


 Wenn ich nach Hause komme, muss ich mal ein paar Kartons aufmachen, ob ich diesen Raubdruck wohl noch finde?

Wie komme ich aus dieser Schleife? Wenn ich jetzt nicht aufpasse, wird die heutige Ausgabe vom Blog eine ganze Kunstzeitschrift.

Also:
Gefallen hat mir seehr, sehr gut eine Sonderausstellung zu Künstlern aus postsozialistischen Ländern.

Supergut gefallen hat mir die Ausstellung von Studio Drift! So genial auf der Rasierklinge zu reiten. Auf der einen Seite Poesie und auf der anderen Kitsch, das hat was, selbst, wenn das eine oder andere "fast" auf der falschen Seite landet. Einfach wunderschöne  kinetische Objekte, Filme, Virtual Reality Lichtinstallationen. Das Publikum geht vor dieser Gruppe in die Knie.





 Das muss man gesehen haben.

Und zum Schluss: die Präsentation der Sammlung des Stedelijk. Ich fahre runter zur "base" - und bin völlig verblüfft. So eine Ausstellungskonzeption habe ich nach gar nie gesehen. Auf den ersten Blick: ein wirrer Haufen von disparaten Bildern, Objekten. Beckmann und daneben Eamesstühle, Picasso und davor der Dornröschensarg von Braun. Poptapeten und eine Kienholzinstallation. Nach dem ersten Schock, verstehe ich das Anliegen und bin begeistert. So gut selbsterklärend habe ich die Kunst des 20.Jahrhunderts noch nie präsentiert bekommen. Große Klasse.

Keine Bilder mehr. Aus. Schluss. Fertig.

Danach wage ich es noch einmal mich auf die große Fahrradachterbahn zu begeben. Es ist heiß, ich radle kreuz und quer. Ich suche nichts und finde an jeder Ecke Neues.


Diese gigantischen Fahrradinstallationen sind ehrlich gesagt kein Highlight im Stadtraum. Zumal ich, grob geschätzt,  15 % für Schrott halte. Wie viel Fahrräder wohl jedes Jahr aus den Grachten geholt werden? Wie viel Hundertschaften wohl den Fahrradschrott entsorgen?
Und dabei hat man den Eindruck, dass der innerstädtische Autoverkehr immer noch enorm ist.

Ich habe heute viel von Amsterdam gesehen vieles, das ich noch nicht kannte. Ich habe heute enorm viel Neues gelernt.



Und ich habe auch herausbekommen,  warum halb Amsterdam mit rosa Ballons und  mit Regenbogenfahnen geschmückt ist. Diese Woche ist "Gay Pride" in Amsterdam, und am Sonntag ist die große "Gay Pride Parade" auf den Grachten - auf Schiffen und Booten. Laut Programm nehmen 71 offizielle Boote teil. Den Abschluss des offiziellen Umzugs bildet das Boot der  "lesbischen Indoorfußballerinnen" Amsterdams.

Schade, das hätte ich gern gesehen. Aber bis Sonntag in Amsterdam zu bleiben, das kommt dann doch etwas zu teuer!!!

Sollte ich euch mit Kunst zugeschüttet haben, verzeiht mir, und haltet es meiner Begeisterung zu gute.
Bleibt mir gewogen,
und schaut Morgen wieder rein!

24.Tag: Wieder zurück!! Wie versprochen, melde ich mich noch einmal, um Euch von meiner abenteuerlichen Rückreise zu berichten! ...