Samstag, 4. August 2018

18.Tag: Von Amsterdam bis Amersfoort


18.Tag: Von Amsterdam bis Amersfoort




Gestern spät in der Nacht hat mich aus  dem fernen Engen eine Email erreicht, die ich gerne an Danjiboy Rahman weitergeleitet habe:

Beobachtungsprotokoll, Danjiboy Rahman  (Fakultät für europäische Anthropologie, Jaipur/Rajastan) 2.8.18., Norwijk Holland, zur "Frage der Triebstruktur holländischer Familien im 21.Jahrhundert"

Hochgeschätzter Herr Rahman,

oh dass es doch mehr solcher engagierter Feldforscher gäbe! Mehr zu Ihrem Wirken und zu Ihrer Person zu sagen ist einfach nicht möglich!

Ich würde die o. g. Publikation gern liken, vermisse aber den obligaten und sonst allgegenwärtigen Button. Daher jetzt meine Meinung auf die Weise vergangener Zeiten:

I like it!

Weiterhin Gut Feld:

Heute erreicht mich von Herrn Raham,  folgende Email, die ich gerne an Herrn Schmidt, dem Verfasser der obigen Email weiterleite:

Lieber, hochverehrter Herr Schmidt,

ihre ermutigenden Worte, waren eine wahre Wohltat für mich. Sie werden es vermutlich erahnen, wie schwer die Feldforschung so fern, der eigenen vertrauten Kultur sein kann und wie oft der Selbstzweifel zu nagen beginnt. Aber wie es der Zufall will: Ihre Email und  neue Erkenntnisse, haben mich in meinem Anliegen bestärkt, die mir manchmal so fremde Kultur der Niederländer besser verstehen zu lernen, und damit einen Beitrag zur allgemeinen Völkerverständigung zu leisten. Stelllen Sie sich vor, lieber Herr Schmidt, gerade heute entdecke ich folgendes Plakat an einer Straße von Hilversum:



Erinnern Sie sich an den Frühstückstisch von meinen "Informanten" in Noordwijk? Die Schachtel mit den, an "Mäusekot" erinnernden, braunen Stäbchen?
Oh, wie falsch bin ich gelegen! Dieses Bild belegt eindeutig, es ist viel komplexer. Sehen sie das Mikrofon? Die jungen Menschen haben zweifelsohne schon den Schritt zum Erwachsenenalter vollzogen, bauen ein Schreckszenario für die Jüngeren auf, wie wir das aus vielen anderen Kulturen kennen (ich erinnere an Meyers et.al., Erwachsen werden bei den Hopi,). Es handelt sich offensichtlich um eine andere Art von Ekelschranke. Diese kleinen brauen Stifte, die die junge Dame, deutlich sichtbar auf ihren Frühstückstoast gestreut hat, - leben!  Und der junge Mann nimmt die Geräusche der - ich bin mir sicher - Maden, im Karton auf! 
Ich weiß zwar nicht, was an dem Genuss von Maden abschreckend sein soll, aber offensichtlich ist für das niederländische Kind  eine absolute Ekelgrenze erreicht! 

Lieber, hochverehrter Herr Schmidt! Sie sehen mich hochmotiviert und fest entschlossen, die letzten Rätsel der niederländischen "Seele" zu enträtseln.

Bleiben Sie mir gewogen
Ihr 
Danjiboy Rahman

Aber jetzt Schluss mit dem Blödsinn!

 Aus Amsterdam herauszufahren, war ebenso leicht und entspannt wie die Einfahrt. Eher noch kürzer.
Die Radwege bieten heute Morgen keinen Schrecken.



Niemand hetzt zur Arbeit, keine Roller, keine Beinahe-Unfälle. In weniger als 20 Minuten bin ich aus der Stadt, oder besser gesagt, an einem Kanal der aus der Stadt herausführt.



Und wie überall auf der Welt breitet sich auf ehemaliger Industriebrache, die neue Gentry aus. Dieses sind die neuen "Einfamilienhäuser", der Reichen, die den richtigen Riecher hatten. In 10 Jahren sind das die Toplagen. Das Haus in der Mitte hat ein riesiges Gewächshaus auf dem Dach. Zur Zeit allerdings verwaist.

In Diemen treffe ich tatsächlich die schwul-lesbische Indoorfußball Mannschaft auf dem Weg zur schwimmenden "Gay Pride"- Parade in die Innenstadt.



Wir winken uns fröhlich zu und fahren unserer Wege.

Kurz danach das obligatorische Bild:



1.000 km sind erreicht!

Es ist heute - wem sage ich das - sehr heiß. 
Doch an den Kanälen entlang, und über die Kanäle hinweg, lässt es sich angenehm fahren.



Das könnte der Rhein-Amsterdam-Kanal sein, dem ich schon bei Tiel begegnet bin. Zumindest ist die junge Dame fest davon überzeugt, der mitradelnde Freund hat so seine Zweifel. Auch der Niederländer kommt bei dem vielen Gewässer manchmal ins Schleudern.



Dann wird mal wieder die Straße vor mir hoch geklappt.


Und dann das Naardermeer. Ich mache dieses Foto - und stelle fest: ich höre nichts. Absolut nichts. Keine Straßenbahn, keine Autobahn, keine landenden Flugzeuge, keine Kneipenbesucher, keine Motorräder, kein Hupen, keine Hotelangestellten, die sich unter dem Fenster unterhalten, - NICHTS! 
Einfach nichts. Das war so schön! 

Hilversum habe  ich großräumig umfahren. 

Kurz dahinter, eine völlig andere Landschaft. Ich fahre durch einen schönen alten Wald. Buchen, Kiefern - und leicht bergauf. Ein ganz ungewohntes Erlebnis. Hinauf zur Hooge Vuursche. Angenehmes Fahren im Schatten. Ich schlage gerade in Gedanken, mein "blog Notizbuch" auf, um festzuhalten, dass ich keine Schilder gesehen habe, die darauf hinweisen, Schneeketten anzulegen, da überholt mich mein geplanter Gag von hinten:



Sommerskiläufer auf der Zielgeraden!

Nie wieder werde ich über Holländer und die Berge Witze reissen! 

Von der Hohen Vuursche rolle ich runter nach Soest. Da fällt mir ein Schild auf:

Paleis Soestdijk

sagt mir nichts. Und das ist das Schöne am Radreisen. Man hält so leicht an - und wird überrascht.



Paleis Soestdijk ist ein Heiligtum für den royal affinen Holländer. 

Das Schloss stammt aus dem 17. Jahrhundert. Mein Freund, der II. Willem (warum es im 16. Jahrhundert einen III.Willem gab, werde ich noch herausbekommen), der mit dem witzigen Hund,  hat es 1818 zu seinem Stammwohnsitz mit seiner Anna Paulowna gemacht.
Und Königin Juliane und ihr Bernhard haben hier fast 70 Jahre gewohnt, bis sie 2004 gestorben sind.



Da sich meine Affinität zu Königshäusern in Grenzen hält, fällt meine Besichtigungstour durch das Schloss relativ kurz aus. Was den netten Damen vom Freundeskreis Soestdijk, die dem netten "Kanadier" gern mehr erzählt hätten, durchaus aufgefallen ist.



Aber wenn mir jemand einreden will, dass Männer in Uniformen jemals im royalen Haushalt, den Abwasch gemacht haben, dann kann ich nur müde lächeln. Das ist ganz schlechtes Produktmarketing!!
Trotzdem war es nett bei Königs vorbei geschaut zu haben.

Amersfoort ist die Überraschung schlechthin. Ein quirliger, sehr sympathischer Ort. Auf allen Plätzen ist heute Markt. 
Die Altstadt  ist komplett von einem Stadtgraben umgeben. Hier gibt es noch sehr viel alte Bausubstanz und interessante Ecken, ohne von Souvenirläden entstellt zu werden. Direkt neben meiner heutigen Unterkunft ist die älteste Kirche der Stadt. St. Joris. Backsteingotik kommt ja immer eher unspektakulär daher, aber was ich dann gesehen habe, war schon sehr ungewöhnlich. 
Auch hier wieder sehr nette, auskunftsfreudige Menschen. Zuerst werde ich gefragt: "Kirche oder Konzert?" - Ich etwas ratslos - "beides?" "Sie können sich gerne das Konzert anhören. Aber auch die Kirche anschauen."
Ungewöhnlich.



Ich schaue mich erst einmal um. Der "Glöckner" fällt mir auf. Die nette Dame vom Empfang erklärt mir, dass er eine wichtige Funktion hatte. Für den Fall, dass der Pastor länger als 2 Stunden predigte, betätigte er die Glocke. Wenn der Geistliche dann immer noch nicht aufhörte, musste er eine Strafe an die Armenkasse bezahlen.


Das spektakuläre an St. Joris ist aber etwas anderes.

Es gibt nur wenige Bauwerke, an denen man ihre Baugeschichte so deutlich ansehen kann.

Um 1200 wurde eine romanische Wehrkirche gebaut.
Um 1300 wird um diese eine gotische Kreuzkirche gebaut.

die romanische Kirche bleibt aber stehen. Und der Turm wächst praktisch aus der gotischen Kirche heraus. Abgefahren!


Das ist der Kirchturm - im Inneren der Gotischen Kirche.
Der Innenraum der romanischen Kirche ist aber auch noch da!



Seht Ihr inter der gotischen Säule, den Kirchenraum in der Mitte? Mit den romanischen Rundbögen im oberen Teil. das genau war die romanische Kirche, an die links und rechts zwei gotische Kirchenschiffe angeklebt wurden. So etwas habe ich noch nirgendwo gesehen. Ausser vielleicht in Syracus, wo ein griechischer Tempel komplett übernommen wurde, um daraus eine christliche Basilika zum bauen.
In dieser Kirche ist ganz wenig "verloren" gegangen. Baugeschichte pur!



Hinter dem wunderschönen Lettner, sitzen die Menschen, die wegen des Konzertes gekommen sind. Ich habe es von hier aus genossen. Aber es gibt einfach so viel in dieser Kirche zu entdecken.




Könnt Ihr die Schere sehen?




Ein Bäcker, in der Kirche begraben?




Und ein Schäfer. Im ganzen hinteren Teil der Kirche ist Grabplatte an Grabplatte. Aber nicht Ritter Kunibert und seine Kunigunde. Sondern Bäcker, Schäfer, Schneider. Meine Informantin meinte, das seien schon reiche Bürger der Stadt gewesen. Aber anderswo gehörten Schäfer und Schneider nicht unbedingt zur Hautevolee!

Diese Kirche hat mich beeindruckt.
Aber auch der Ort selbst bietet an jeder Ecke Neues.

An der Kirche, noch gut erhalten, die Waage:



Mit dem Häuschen des Waagmeisters. Gerade solche wichtigen Elemente mittelalterlicher  "Markt"- Wirtschaft sind heute fast überall verschwunden, vor allem wenn Sie aus Holz sind.
Oder die so wichtigen "Läden" - woher der Laden seinen Namen hat.



Das ist ein Laden, wenn er geschlossen ist. Klappt man einen Laden nach oben, und einen Laden nach unten. Hat man einen "Laden", auf dem man seine Waren anbieten kann.




Hier sind die Läden nach oben gestellt, aber die für die Waren, sind noch unten. Werden natürlich heute nicht mehr so genutzt. Aber alles ist noch da.





Amersfoort hat wirklich an jeder Ecke was zu bieten.

Ich wohne im




Logement de Gaaper.

Die Betreiber sind sehr nett. 

Es ist wohl das älteste Haus der Stadt. Aber super auf dem Stand. Kein Vergleich mit manch anderem Schuppen, mit versifften Teppichen und Brandflecken. Hier gibt es sogar eine funktionierende Klimaanlage.

Aber was bedeutet: Gaaper?

Und was soll der Kopf mit dem aufgerissenen Mund.

Der junge Mann, dessen Freundin in Toronto wohnt, und der sich sehr freut, als ich mit meinem Canada-Trikot einlaufe, erklärt mir das ganz genau:


Als die Bader noch auf den Jahrmärkten auftraten und ihre Wundermedizinen an den Mann bringen mussten, hatten sie sich - irgendwann, als Sklaven erschwinglich wurden, solche angeschafft. Die mussten dann, bei den Präsentationen den Mund aufmachen und die Wundermedizin schlucken.

Wie gesagt, Sklaven waren damals erschwinglich. Und konnten leicht ersetzt werden.
Als dann aus dem Bader ein ehrenwerter Beruf wurde, -Apotheker nämlich, behielten sie als Erkennungsmerkmal den "Gaaper" - den Gähner, den Mundaufmacher bei. Diese Köpfe hingen in Holland lange Zeit über Apotheken.
Meine Unterkunft war die älteste Apotheke in Amersfoort, bis in die 90er Jahre des vergangenen Jahrhunderts:


Und besitzt eine beachtliche Sammlung von echten  Gaapern.

So, jetzt ist aber gut.

Wir sehen uns Morgen!!







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