Freitag, 27. Juli 2018

10. Tag: Von Düsseldorf nach Voerde




Heute Nacht hatte ich die Wahl zwischen Niedertemperaturgaren mit "50°" bei geschlossenen Fenstern, oder mein Bett auf den längsten Tresen der Welt zu stellen. Was die Leute in diesen Scharen in die Düsseldorfer Altstadt drängt, wird mir auf immer ein Rätsel bleiben. Gut das Alt ist gut. Das  "Uerige" ist besonders lecker. Aber dass aus einer nicht umwerfend attraktiven Altstadt eine "hippe" Partymeile wurde, in die man von weit her angereist kommt - nur um sich die Kanne zu geben und von einer Kneipe in die andere zu ziehen, das kann ich nicht wirklich nachvollziehen.
Bis 1:00 habe ich mich für Niedertemperaturgaren entschieden. Bei geöffnetem Fenster konnte man nicht einmal den Fernsehapparat verstehen, selbst wenn er voll aufgedreht war.
Danach war es zwar immer noch laut - aber erträglich, d.h. ich habe locker wieder einschlafen können. Gegen 6:00 Uhr waren dann die Kehrmaschinen und Reinigungskräfte zugange, die Glasmüllcontainer wurden geleert, da ist Aufwachen angesagt.

Aber dafür war das Frühstück hervorragend und mit Frau Aslan ging die Sonne auf. So was von "rheinische Frohnatur"! Als  ich sie auf die vielen Karnevalsfotos anspreche,  gibt es kein Halten mehr. Als "Funkenmariechen" hat sie in ihrer Jugend gewaltig Funken sprühen lassen,  nehme ich an! Nur ihr Hang zum "handlungsbegleitendem Reden" irritiert mit der Zeit.
Mit den Leuten hier in der Gegend kommt man wirklich schnell ins Gespräch - gefällt mir richtig gut.

Aber nun schwing dich langsam aufs Fahrrad!
Bis Mittag lässt es sich ganz gut radeln. Danach wird es von Kilometer zu Kilometer, von Wasserflasche zu Wasserflasche anstrengender.

Also raus aus der Partyzone


Keine 50 m vom "Alt-Düsseldorf" begegne ich diesen 4 Damen. Warum stehen die hier in der Fußgängerzone? Und woher kommen die? Solche Fragen interessieren mich immer.
Frage ich also eine Passantin. "Nä, wer das ist weiss ich nicht, aber die sind mal wo anders gestanden."
Stimmt!
Das sind die Karyatiden der alten Kunsthalle, die im 2.Weltkrieg  zerstört worden ist.
Karyatiden, sind, sorry wenn ich euch mit bekanntem belämmere, "Frauen mit tragender Funktion" in der Architektur, sie tragen Dächer, Eingangshallen, etc. Das hat Wikipedia jetzt mal schön formuliert - "mit" nicht "in" tragender Funktion, unsere Karyatiden von Düsseldorf stehen zwar ein wenig im "Hinterhof" - aber sie sind jetzt ihrer Last befreit! (Achtung: "Highly symbolic meaning")

Nach meinen mäßigen Erfahrungen auf der rechten Rheinseite gestern, will ich es mal wieder links versuchen (ich weiß, zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass mein Tagesziel auf der rechten Seite ist).

Ich radle über die Oberkasseler Brücke - und steige in die "überschaubare Landschaft" des Niederrheins (Reiseführerpoesie). Aber irgendwie stimmt es auch. Oben auf dem Damm. Felder, Weiden, Baumgruppen, Reiterhöfe, Bauernhöfe, weiter Horizont - gelbe vertrocknete Weiden. Dürre kaum entwickelte Maisfelder, gelbes Laub auf den Radwegen. Aber es lässt sich gut radeln. Nur stehen bleiben ist schlecht, dann fließt der Schweiß in Strömen. Aber als ich dieses Gefährt den Deich hochkommen sehe, muss ich einfach anhalten.


Das ist Haralds Hundezug. Er war gerade mit seinen 5(oder 6?)  Hunden beim Schwimmen. Ein tolles Rudel.

Er ruft gerade seine Truppe zusammen, weil es hier ein paar Bauern gibt, die es nicht so sehr mögen, wenn Die Hunde über die Felder heizen. Harald meint, es sind halt immer mehr geworden. Mal konnte eine Frau ihren Hund nicht mehr versorgen. Mal ist eine Bekannte weggezogen und konnte den Hund nicht mehr mitnehmen. Jetzt reist er eben mit seinen 5 (oder sind es inzwischen doch 6- der weiße ist seit gestern dabei) durch den Niederrhein.
Seinen Hundezug hat er selbst gebaut. Netter Kerl! Mach´s gut Harald.

Und keine 500 m weiter das nächste kuriose Gefährt. Helgas Kaffebar



Das ist Helgas Hand am linken Rand des Bildes, langes weißes wallendes Klein,Strohhut mit Blumenkranz, Typ weitgereist und nirgends wirklich angekommen. Sie baut gerade auf. Kann mir noch keinen Kaffee anbieten. Das dauert noch einen Moment. Ich will auch gar keinen Kaffee, mich interessiert mehr, wie jemand auf die Idee kommt hier im Niemandsland am Damm, seinen Kaffeestand aufzubauen. Es gibt es zwar einen Modellflugplatz und einen Parkplatz für Sonntagsradler, aber gäbe es da nicht lukrativere Standorte? "Brauchste für jeden Platz eine Genehmigung - in Deutschland  geht nichts ohne Genehmigung." Und für hier hat sie eine Lizenz bekommen.


Das "coffee bike" sieht schwer aus. "400 Kilo" sagt Helga, und nein, natürlich ist sie nicht den ganzen Weg hierher ins "Nichts" geradelt. Allein kommt sie über keinen Bordstein. Ihr Gefährt hat man ihr mit dem Hänger hierher gefahren.
Wenn man nur Kaffee verkaufen würde, dann könne man schon ein Stück radeln, aber sie hat auch noch Sonnenschirme und einen Tisch und Stühle dabei. Woher sie das coffee bike habe, frage ich. "Das ist eine franchise Firma, da muss man sich einkaufen."
OHA!
"Arme Helga" denke ich, das Erfolgsmodell liegt bei den Lizensgebern.
Du wirst dir vermutlich einen Sonnenstich holen, aber viel Geld ist da nicht zu machen.

Da schaue ich doch heute mal im Hotel kurz nach:

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Liebe Helga, ich hoffe sehr, es bleibt ein bisschen was bei dir hängen. Für 5000€ hättest du einen schönen Urlaub machen können!!

Die nächsten Kilometer - siehe oben - die Orte dösen in der Sommerhitze. Ich brauche unbedingt, Wassernachschub. Aber Geschäfte sind Fehlanzeige auf meiner Strecke. Da sehe ich am Rande eines Dorfes einen Spielplatz. Eine junge Frau schaukelt ihr Kind. Ich frage sie, wo es denn einen Laden in der Nähe gäbe. Sie runzelt die Stirn, mmh in der Nähe? "Wissen Sie was, ich wohne gleich da hinten und habe noch eine Wasserflasche im Kinderwagen. Ich kann mir eine neue holen." Sie geht zum Wagen und holt mir ihre Wasserflasche. Wie nett!
Ich mag die Leute am Niederrhein, freundlich offen, und manchmal ein bisschen skurril.
 Dann geht es auf Uerdingen  zu. 
Das sind die Stadteinfahrten, die ich überhaupt nicht mag. Hafenanlagen, Raffinerien, Containerumschlagplätze. Und über die Straßen richtig breite, tiefe Gleise, - in die man leicht hineinrutscht, passt man nicht höllisch auf.


        Da bekommen historische Industriebrachen und alte Drehbrücken schon "Romantikpunkte"



       Sorry Bärbel - heute ist kein Tag für gemütliche Stadterkundigungen. Und so gern ich die Gleumesbrauerei besichtigt hätte, bei 39° im Schatten, trinke ich mein Bier lieber, wenn das Fahrrad versorgt ist und ich geduscht habe.

Aber es hat auch wirklich schöne Ecken hier!!

z.B. habe ich heute die beiden ersten Windmühlen gesehen



Jetzt kommt es mir so langsam, dass mein heutiges Etappenziel in Voerde, auf der rechten Rheinseite sein könnte. In einem Fahrradgeschäft frage ich, wie man hier am besten auf die andere Seite kommt. "Gute Frage!" - der junge Mann grübelt einen Moment. "Ich denke, es ist am besten Sie nehmen die Fähre bei Orsoy." OK, er zählt noch ein paar Ortsnamen auf, die ich noch nie gehört habe.

Also auf nach Orsoy.


Der Ort scheint Teil einer alten Festungsanlage gewesen zu sein.

"Übersetzt bedeutet das Wort Orsoy (gesprochen: im Dialekt kurz und hart: Oschau oder: Orsau) in etwa „Pferdewiese“ (Rossaue)."

Orsoy wurde gegen das Herzogtum Jülich vom Herzog von Kleve, von Wilhelm dem Reichen,  ausgebaut , doch die Spanier machten die Festung in der 1.Hälfte des 16.Jh. platt. Dann haben die Holländer die Festung wieder ausgebaut, und Ludwig IVX hat sie wieder platt gemacht. Und so weiter....
Lieber Lesekreis, Herzogtum Kleve?

Die Fähre hinüber nach Duisburg wird rege genutzt. Es wartet eine ganze Schlange von Autos, aber die Fähre ist flott, und für ein Fahrrad ist immer Platz.



10 Autos und ein Fahrrad.


Auf der anderen Seite Richtung Alt Walsum kommen Gefühle von "Zonenrandgebiet" auf. 

Um 14:00 bin ich - zum Glück - schon im Hotel Niederrhein. 
Voerde - zumindest der Teil, durch den ich geradelt bin - macht nicht den Eindruck, als lohne es sich überhaupt noch einmal das Hotel zu verlassen. Aber ich habe mich trotzdem umgeschaut - und außer einem großen EDEKA und eine "Bundeskegelbahn" nicht viel gefunden. An der Bundeskegelbahn, saßen Bundeskegler (?) im Schatten und tranken sich ihren Saisonverlauf schön, denn heute zum "Training" waren nur 6 gekommen. Also hat man das Training gleich in den Biergarten verlegt. Da setzte ich mich doch an den Nebentisch und höre ein bisschen zu. Will schließlich wissen was Bundeskegler sind. 

So und jetzt noch eine Siesta, denn ich will die Mondfinsternis nicht verschlafen!

Wir sehen uns Morgen!!


1 Kommentar:

  1. Du hast bei Helga keinen Kaffee getrunken?? Mon dieu! So ein besonderer Kaffee das sein muss!

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